Background

Sonntag, 15. Juli 2012

Selbstdisziplin


Letzte Woche haben der Gatte und ich unseren 20sten Hochzeitstag gefeiert. Und man sollte ja denken, dass bestimmte Eigenschaften im Laufe der Jahre auf den Partner abfärben. 


Wer jetzt glaubt, ich würde anfangen über den Gatten zu lästern - weit gefehlt. Mein Mann ist ein Musterbeispiel an Selbstdisziplin. Mir scheint manchmal, dass bei ihm die Frage: "Habe ich jetzt Lust dieses oder jenes zu tun?" einfach gar nicht im Repertoire auftaucht. Wenn irgendetwas getan werden muß und wenn er glaubt, es sei seine Aufgabe (und das denkt er oft und bei den unwahrscheinlichsten Dingen) - dann macht er das. Sofort. Ohne Meckern. Ohne Jammern. 


Wenn ich vor einer Aufgabe stehe, auf die ich keine Lust habe (und das passiert ebenfalls oft und bei den unwahrscheinlichsten Dingen), dann fange ich erst einmal an darüber nachzudenken, ob es nicht irgendjemand anderen gibt, der das tun könnte, sollte, ja wirklich MÜSSTE!
Wenn dem nicht so ist, und ich einsehen muß - okay, ich bin dran... dann schiebe ich es erst mal raus. Bis zur aller-aller-allerrrrrrr-letzten Minute. 


Und hinterher klopfe ich mir dann auch noch stundenlang auf die Schulter.


Es verwöhnt einen natürlich auch ganz furchtbar, wenn man 20 Jahre lang mit jemandem lebt, der einem die unangenehmen Dinge einfach so abnimmt. Also - wenn man es so recht bedenkt, ist er schuld an meiner Drückebergerei. 


Nur so manchmal - da bleibt einem natürlich auch gar keine andere Wahl. Weil er mal nicht da ist zum Beispiel. Eines der schönsten Beispiele war vor einigen Jahren. Der Gatte auf Geschäftsreise. Die drei jüngeren Kinder so ca. 11, 12 und 13 Jahre alt. Ich stehe morgens um 6.00 Uhr auf um Frühstück zu machen - und auf dem Küchenboden liegt ein Geschenk meiner Katze. 


Ich stelle mir das ungefähr so vor - Ratte gefangen (GROSSE Ratte) - festgestellt: "Schmeckt nicht", gedacht: "Vielleicht möchte ja Frauchen ein Häppchen zum Frühstück", in ca. 50 Einzelteile zerlegt und weiträumig auf dem Küchenboden dekoriert. 


Mein erster Gedanke, nachdem ich den Würgereflex unter Kontrolle hatte: "Hmmmm.... der Sohn. Der hat ja auch schon mal eine Spinne für mich erschlagen." 
Der Sohn warf allerdings nur einen Blick auf das Debakel und meinte: "Sorry, Mama, damit stehst du alleine da." 


Also - angefangen mit ganz viel Küchenkrepp Teilchen zu entsorgen. Denn das konnte ja selbst ich nicht ein paar Tage verschieben, bis der Gatte wieder nach Hause kommt. Aber beim letzten Drittel war es vorbei mit der Kontrolle des Würgereflexes und plötzlich steht da meine Tochter Avital hinter mir. Mein Prinzesschen. Die es ekelig findet eine Pfanne mit Essensresten zu säubern oder aus einem Glas zu trinken, das schon ein anderes Familienmitglied mit seinen Bazillen verunreinigt hat. Und sagt: "Lass mal, Mama. Geh einfach mal raus an die frische Luft. Ich mach schon den Rest."


Ich schwöre, bis ans Ende meiner Tage werde ich dem Kind dafür dankbar sein. Und dafür, dass sie scheinbar in dieser Beziehung die Gene ihres Vaters abbekommen hat. 




Warum komme ich jetzt darauf? Weil ich diese lange To-Do-Liste habe. Mit Dingen, die ich teilweise schon seit Monaten vor mir herschiebe. Und was mache ich an diesem schönen Sonntagmorgen? Beklebe Holzvögelchen, Notizzettelhalter und Kostmetiktuchkartons mit Stoff. Definitiv lebenswichtige Dinge, ohne die man auf gar keinen Fall einen weiteren Tag hätte auskommen können. 
Fazit: Wenn ich mich trotz all dieser Selbsterkenntnis und dem guten Beispiel täglich vor Augen bis zum Alter von 51 noch nicht zu einem besseren, disziplinierteren Menschen entwickelt habe, dann wird das auch nix mehr. 

Kommentare:

  1. Kommt mir sehr bekannt vor, wobei es bei uns eher anders herum ist.
    Aber so ergänzt man sich doch prima.
    Dir einen schönen Sonntag und viel Spaß beim Basteln. Ich nähe jetzt ganz displiniert Kissen für die nächste Ausstellung, aber nachher wird gegammelt.... grins

    Gela

    AntwortenLöschen
  2. Wieder köstlich amüsiert über Deine Abhandlungen zum Thema: " Warum habe ich meinen Mann geheiratet..." ( Habe gestern mit Freuden Deine Kolumne in der PP genüsslich auf unserem Kanape gelesen und da kam mir der Geistesblitz, dass Du die Gretelmarlene aus dem Blogreich bist:))
    Gratulation zum Hochzeitstag und zu diesem tollen Partner, der Dich einfach so Holzkistchen basteln lässt ( meiner Gott sei Dank ist auch so großzügig!!!)...
    Habt noch eine tolle Zeit miteinander und Danke für Deine interessanten Erkenntnisse ...
    Liebe Grüsse und noch einen " großzügigen" Sonntag wünscht Angela

    AntwortenLöschen
  3. das ist ja so spannend geschrieben, da füllt Frau sich auch ertappt...in Sachen"vor mir herschieben, bis auf den letzten Drücker" bin ich auch groß...ich hätte da auch noch was...aber in diesem Sinne wünsche ich dir und deinem Mann viele "glückliche gemeinsame Jahre".
    Barbara

    AntwortenLöschen
  4. ~ggg~

    häufig bringst Du mich mit Deinen Posts zum grinsen, Danke dafür :)

    heute erkenne ich mich auf jeden Fall selber wieder ~grins~

    LG Agnes

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Grete,
    ich habe mich ziemlich gut wieder erkannt in Deinem Post. Auch ich habe dieses Verfahren, Dinge vor mir herzuschieben, bis es nicht mehr anders geht, perfektioniert.
    Wenn es sich dann aber nicht mehr vermeiden lässt,also unter Druck, arbeite ich dann besonders schnell und effektiv. Trotzdem wünsche ich mir öfter, dass ich diese Dinge sofort erledigen könnte. Dann könnte man ohne schlechtes Gewissen dem Hobby fröhnen, stimmt's?
    Liebe Grüße
    Dagmar

    AntwortenLöschen
  6. Selbstdisziplin? Ist mir irgendwie abhanden gekommen... muss unter den Stoffbergen begraben sein - nur noch schnell diese abarbeiten, dann finde ich sie bestimmt auch wieder... der Gatte trägt es seit 20+ Jahren mindestens mit Fassung, insofern scheint daran ja nichts Schlechtes zu sein - weiter so. :) Und herzlichen Glückwunsch. :)

    AntwortenLöschen
  7. Zu den wirklich großartigen Ergebnissen einer Ehe zählen die Kinder, gerade wenn sie so selbstlos Katzenzeugs wegsammeln. Das muss auch hier der Sohn übernehmen......

    Und dein Mann ist nicht mit Gold aufzuwiegen, ich erinnere mich da noch an diese Bänderabroller, das hat mich damals tief beeindruckt :)

    Und abschließend: Herzlichen Glückwunsch an deinen Mann zu so einer großartigen Ehefrau!!

    AntwortenLöschen